Seine Biografie liest sich wie der Plot zu einer Serie: Spionage auf dem Teufelsberg in Berlin, historische Ereignisse, große Politik, internationales Business, Zukunftsvisionen … alles da. Viel Gesprächsstoff. Der junge Amerikaner Gerald Wood kam in den 1980er Jahren als GI nach Berlin. Er blieb. Heute lebt und arbeitet er in Potsdam.
Beginnen wir mit einem Blick zurück: Sie wurden 1990 der Sprecher des ersten Brandenburger Landtages nach der Wiedervereinigung. Wie kommt ein Amerikaner in ein solches Amt?
Für Politik habe ich mich schon immer interessiert. Ich nenne es historisches Glück, dass ich in Westberlin stationiert war, als die Mauer fiel. In diesen bewegten Zeiten wollte ich unmittelbar vor Ort erleben, was passiert. Ich erinnerte mich daran, dass ich bereits zu Militärzeiten eine Zeitung für die Amerikaner gegründet hatte und begann als Journalist zu arbeiten. Einer meiner Artikel nach der Wende fiel Manfred Stolpe (1936-2019, erster Ministerpräsident des Landes Brandenburg – Anmerk. der Red.) auf. Am Ende unseres langen Gespräches sagte Stolpe, er habe das Gefühl, dass ich trotz meiner Herkunft die Ossis besser verstehe als die Wessis die Ossis. Dann folgte bald die Frage, ob ich Interesse an der Funktion des Landtagssprechers habe. Stolpe verscheuchte meine Bedenken mit dem Satz: „Wir Brandenburger gehen unsere eigenen Wege“.
Mit welchen Emotionen schauen Sie auf diese Zeit zurück?
Mit tiefer Dankbarkeit, dass ich die Chance bekam, in dieser Aufbruchszeit meinen eigenen Weg zu gehen. Ich war Akteur und Zeuge in einer Zeit, als die parlamentarische Demokratie in Brandenburg aufgebaut wurde. Zugleich erlebte ich die verpassten Chancen, die Ostdeutschen aktiv in diesen Wiedervereinigungsprozess einzubinden. Es war eine der spannendsten Zeiten, die ich je erlebt habe.
Was kam nach diesen wilden Zeiten? Zu lesen war, dass Sie das Internet nach Potsdam brachten.
Das ist stark übertrieben, aber ich habe mich immer für neue Technologien interessiert: viel gelesen, internationale Konferenzen besucht, den Austausch mit Experten gesucht, sehr früh Algorithmen verstanden. Nach meinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst habe ich gemeinsam mit Partnern den Jugendclub 91 in Potsdam-West wieder zum Leben erweckt. Den gibt es übrigens heute noch. Danach war ich an verschiedenen Orten der Welt von den USA bis nach Asien für Tech-Unternehmen tätig, habe Firmen gegründet, beraten und zwei davon auch nach Potsdam geholt. Dabei hat mich immer interessiert, welchen Einfluss die neuen Technologien auf die Arbeit haben.
Führte dieser Grundgedanke zur Gründung Ihres eigenen Unternehmens?
Ja. Ich beschreibe Authentic Consult gern als Boutique-Beratung – eine kleine, feine Beratung, die sich auf das Humanpotenzial in Unternehmen fokussiert. Jeder Mensch muss individuell behandelt und gefördert werden und wissen, über welche Talente er verfügt. Talente sind die Rohdiamanten, denen Unternehmen durch das gezielte Fördern und Stärken Brillanz verleihen können. Das Tool dafür entwickelte das Analyseunternehmen Gallup, ich führte es in Deutschland ein. Datenbasiert misst es nicht nur die Stärken des Menschen, sondern macht u.a. die „Top 5 Talente“ für das Individuum verfügbar – weg vom Defizitdenken, hin zur Potenzialentfaltung. Daraus ergibt sich das zweite Geschäftsfeld von Authentic Consult: Die Messung und Förderung der intrinsischen Motivation von Mitarbeitern, also des inneren Antriebs für das eigene Tun, die Freude an und die Begeisterung für die Arbeit. Wir wissen: Je höher die intrinsische Motivation von Mitarbeitern, desto offener sind die Mitarbeiter für Innovation. Mitarbeiter, die nicht oder nur wenig emotional an ihren Job gebunden sind, kosten den Unternehmen Millionen.
Der Titel Ihres Buches „#NextGenWork – über die Zukunft der Arbeit“ klingt wie ein Zukunftsroman.
Ja und nein. Kein Blick in die Zukunft ohne Analyse der Gegenwart. Lydia Ziegler und ich analysieren die Digitalisierung und KI-Entwicklung in Zeiten des demografischen Wandels – eine Revolution, die sich derzeit unter der Bezeichnung NextGenWork vollzieht. Flexibles Arbeiten, Remote-Work und Work-Life-Balance sind längst alte Hüte in der New-Work-Debatte. Nach der weitgehenden Umstellung auf digitale und KI-basierte Kooperationstools werden Arbeitnehmer im Rahmen sehr weit gesteckter Leitplanken autonom über ihre Tätigkeiten und Aufgaben bestimmen können. Das wird die nächste Stufe sein. Die technischen Entwicklungen in Sachen KI und die individuellen Kompetenzen insbesondere junger Menschen werden rasant zunehmen. Eigene KI-Tools, Autonomie und Selbständigkeit bei der Gestaltung der eigenen Arbeit werden den Arbeitsalltag in nahezu allen Berufen bestimmen, also auch im Einzelhandel, in der Pflege oder bei Dienstleistungen.
Sie haben sich für Potsdam als Lebens- und Arbeitsmittelpunkt entschieden. Warum?
Potsdam hat mich von Anfang an vor allem mit der Ethik des Toleranzedikts von 1685 begeistert, die hier gelebt wurde. Menschen aus allen Himmelsrichtungen kamen in die Stadt und fanden hier eine neue Heimat. Das Klima der Toleranz begeistert mich noch immer. Und natürlich ist Potsdam mit seiner Kulturlandschaft eine lebenswerte Stadt.
Haben Sie noch nie daran gedacht, Ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben?
Vielleicht ist später dafür Zeit.