Unterwegs im Welterbe

Qualifizierte Führer vermitteln im Nationalpark Naturwissen und -genuss. Foto: Adam Schnabler / LKN.SH

Baudenkmäler, Stadtensembles, bedeutende Industrieanlagen und außergewöhnliche Naturlandschaften: 55 Kulturstätten und Naturphänomenen in Deutschland hat die UNESCO den Status Welterbe verliehen. Erbe verpflichtet. Und lädt zur ganz persönlichen Entdeckungsreise ein. Hierzulande gibt es sogar ausgewiesene Routenvorschläge, die von Wunderwerk zu Wunderwerk führen. Wir haben uns für das Weltkulturerbe im Norden und Osten entschieden.

Meeresgrund trifft Horizont: Das Wattenmeer

„Ich war schockverliebt“, erinnert sich die Journalistin Karla Freier an ihre erste Begegnung mit dem Wattenmeer im Jahr 1990. „Dieses Kommen und Gehen … was da alles kreucht und fleucht … die ständigen Veränderungen von Schlick und Sand durch Gezeiten, Wind und Wellen … die scheinbar endlose Ruhe … der weite Horizont“. Aus der Schockverliebtheit entstand eine dauerhafte Beziehung, die Karla Freier bis zu zehnmal jährlich vom heimatlichen Hannover an das von den Gezeiten geprägte Wattenmeer treibt. Ganz privat und seit ihrem Ruhestand als ehrenamtlich tätige Assistenz von blinden Menschen. „Es ist immer wieder ein Erlebnis, wie gerade blinde Menschen diese besondere Natur wahrnehmen: den salzigen Geschmack auf den Lippen, das Glucksen des Bodens, die Vogelrufe“, beschreibt die Journalistin. An mehreren Orten des Wattenmeeres gibt es spezielle Führungen für sehbehinderte und blinde Menschen durchs Weltnaturerbe. Das erstreckt sich entlang der Nordseeküste von den Niederlanden über Deutschland bis Dänemark und umfasst eine Fläche von rund 11.500 Quadratkilometern mit einer Vielzahl von Übergangszonen zwischen Land, Meer und Süßwasserumgebungen: Sand- und Schlickwatt, Muschelbänke, dichte Seegraswiesen, Salzwiesen, Sandstrände und Dünen. Diese einmaligen Bedingungen bieten Raum für mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten. 10 bis 12 Millionen Zugvögel sind jährlich Gäste in der Welterbestätte Wattenmeer, für deren Erkundung Karla Freier eine geführte Wattwanderung empfiehlt, „dann ist es sogar möglich, trockenen Fußes vom Strand bis auf eine Insel zu gelangen.“ Wunderland Wattenmeer!
www.nationalpark-wattenmeer.de

Symbole der Handelstradition in Hamburg

Die Speicherstadt ist von Fleeten durchzogen. Kanäle, die einst als Wasserstraßen für den Warenverkehr dienten. Foto: Mediaservice Hamburg – Christian Spahrbier

Wo einst wertvolle Waren wie Teppiche, Kakao, Kaffee, Gewürze und Spezialitäten aus aller Welt verladen wurden, befinden sich heute Büros, Apartments, Kanzleien, Museen, Geschäfte, Cafés, Restaurants … ein Ort zum Arbeiten, Bummeln, Relaxen, Entdecken. Kein Hamburg-Besuch ohne Fotos von der Speicherstadt und dem Kontorhausviertel mit dem Chilehaus. Als Filmkulisse kommt das einmalige Ensemble mit seinem Verbindungsnetz aus Straßen, Kanälen und Brücken in wunderbarer Regelmäßigkeit in die heimischen Wohnzimmer. Schöne Bilder: Das Spiel der Backsteinarchitektur mit den Baumateria-
lien Glas und Stahl der Umgebung. Noch schöner: Ein Bummel oder eine Bootstour im Abendlicht.

Seit nunmehr elf Jahren ist das zwischen 1883 und dem Ende der 1920er Jahre auf tausenden Pfählen gebaute Areal Deutschlands 40. UNESCO-Welterbe, das behutsam erhalten und modernisiert wird. „Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus, ein einzigartiges Ensemble maritimer Speicherhäuser und modernistischer Bürogebäude, sind außergewöhnlicher Ausdruck des rasanten internationalen Handelswachstums im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert“, beschreibt die UNESCO das Lagerhausensemble, das zu den größten der Welt gehört. Das Kontorhausviertel wurde in den 1920er bis 1950er Jahren erbaut und war Anfang des 20. Jahrhunderts das erste reine Büroviertel Europas. Architekturfans aus der ganzen Welt kommen, um das Chilehaus zu sehen, das mit seiner spitz zulaufenden Form an einen Schiffsbug erinnert. 2.800 Fenster und 4,8 Millionen Backsteine wurden in dem Gebäude verbaut, das heute als Ikone des Klinkerexpressionismus gilt. Noch mehr Informationen gibt es im Speicherstadtmuseum.
www.hamburg-tourism.de
www.unesco.de/staette/speicherstadt-und-kontorhausviertel-mit-chilehaus

Im Buchenwald von Grumsin

Auf alten Wegen im Weltnaturerbe Buchenwald Grumsin unterwegs. Die Natur darf sich ungestört entwickeln. Foto: Brigitte Menge

Die Buchen sind so etwas wie die Ureinwohner Europas. Sie erwiesen sich als äußerst anpassungsfähig und breiteten sich innerhalb weniger Jahrtausende nach der letzten Eiszeit aus. Heute ist das einzigartige Waldökosystem UNESCO-Welterbe und heißt exakt: „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“. Die Welterbstätte umfasst 94 Teilgebiete in 18 Ländern mit Buchenwäldern in allen Höhenlagen, von der Küstenregion bis zur Baumgrenze. Nur gut eine Autostunde von Berlin entfernt liegt der Buchenwald Grumsin. Das kleine geschützte Naturwunder im uckermärkischen Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ist seit dem Jahr 2011 Brandenburgs einziges UNESCO-Weltnaturerbe. 670 Hektar Urkraft pur.

Die Landschaft haben die gewaltigen Kräfte der Weichseleiszeit modelliert. Entstanden ist ein Naturjuwel, das sich am besten zu Fuß oder per Fahrrad erkunden lässt. Wer unterwegs ist, blickt ehrfurchtsvoll auf die bis zu 180 Jahre alten riesigen Buchen, deren Blätterdach über den stillen Wegen an eine Kathedrale denken lässt. In den Senken der Endmoränen sind Moore, Seen und kleine stehende Gewässer entstanden, die zusammen mit den gewaltigen Bäumen die Kraft und die Magie des Waldes darbieten. Wissen über die Entstehung, Flora und Fauna vermittelt der Infopunkt in Altkünkendorf. „Hier ist es zu jeder Jahreszeit schön“, sagt Thomas Blätterlein, der kurz nach der Wende in die Uckermark kam – und geblieben ist. Auf einem historischen Vierseitenhof aus den 1880er Jahren verwirklichte er seine Idee einer eigenen Whisky-Brennerei. Was hier entsteht, ist mehr als ein Destillat: Der GRUMSINER Whisky trägt die Kraft und Ursprünglichkeit der umliegenden Wälder in sich. Längst hat er sich unter Kennern in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Namen gemacht. Sein Symbol, ein Mammut, steht für genau das, was diese Region prägt: archaische Stärke, Ruhe und Charakter.
www.welterbe-grumsin.de
www.grumsiner.de

Bernau: Wo Arbeiter lernten

Fast 100 Jahre alt? Das Welterbe Bauhaus Bernau – hier der Speisesaal – wurde zum Symbol moderner Architektur. Foto: Carsten Eisfeld für die Stadt Bernau

Zwischen 1919 und 1933 revolutionierte das Bauhaus als Hochschule für Gestaltung weltweit das künstlerische und architektonische Denken und Arbeiten. Die Bauhaus-Stätten in Weimar, Dessau und Bernau sind heute als Symbole moderner Architektur. Die Architekten Hannes Meyer und Hans Wittwer verwirklichten im Bernauer Ortsteil Waldfrieden von 1928-1930 ihre Idealvorstellung von Lehre und Praxis. Fernab der nahen Metropole Berlin mit ihrem Trubel sollte die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) ihren Mitgliedern Bildung, Erholung und eine moderne Lebensweise nahebringen. Alle Bauhaus-Werkstätten wurden an der Planung und Ausführung beteiligt. Seit 2017 ist die Bundesschule Teil des UNESCO-Welterbes „Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau“. Die Lehrer- und Angestelltenhäuser mit großzügigen Wohnungen in direkter Nähe zur ehemaligen ADGB-Bundesschule waren Teil des Bauhaus-Konzeptes und sind heute UNESCO-Welterbe.

Die Gebäude der Bundesschule sind Schule geblieben. Das Michels Bildungsforum für Gesundheitsberufe bildet hier seit dem 1. Oktober 2022 Pflegekräfte aus aller Welt aus. Die Bundesschule und die Lehrerhäuser können ausschließlich im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Alle Informationen dazu gibt es im modernen Besucherzentrum, das 2022 in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen ADGB-Bundesschule eröffnet wurde. Die Dauerausstellung informiert über die bewegte und bewegende Bau- und Nutzungsgeschichte der Bildungseinrichtung, die am Bau beteiligten Architekten und Bauhaus-Studierenden und zeigt ausgewählte Möbelstücke aus der Originalausstattung. Die UNESCO-Welterbestätten in Deutschland sind ebenfalls Thema der Dauerausstellung.
www.welterbe-bernau.de

Siedlungen der Berliner Moderne

Die Hufeisensiedlung im Berliner Ortsteil Britz gilt als eine Ikone des modernen Städtebaus und des Neuen Bauens. 2008 wurde sie gemeinsam mit fünf anderen Berliner Wohnsiedlungen UNESCO-Welterbe. © visitBerlin, Foto: Oliver Lang

Wie lebendig, urban und allgegenwärtig Welterbe ist, beweisen die Siedlungen der Berliner Moderne. Die Gartenstadt Falkenberg in Treptow, erbaut 1913-1915 von Bruno Taut – dank ihrer bunten Farben auch „Tuschkastensiedlung“ genannt –; die Schillerpark-Siedlung im Wedding, erbaut 1924-1930 durch Bruno Taut und Franz Hoffmann; die im Volksmund als Hufeisensiedlung bezeichnete Großsiedlung Britz in Neukölln, erbaut 1925-1931 durch Bruno Taut und Martin Wagner – heute die prominenteste Stätte der Berliner Moderne –; die Wohnstadt Carl Legien, erbaut 1925-1930 durch Bruno Taut und Franz Hillinger; die Weiße Stadt in Reinickendorf, erbaut 1929-1931 durch Bruno Ahrends, Wilhelm Büning und Otto R. Salvisberg sowie die Großsiedlung Siemensstadt, erbaut bis 1934 durch ein Architektenensemble um die Stararchitekten Walter Gropius, Hans Scharoun und Hugo Häring sind Berlins jüngstes Welterbe.

Die Architekten der klassischen Moderne gaben mit diesen städtischen Siedlungen Antwort auf die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg: moderne, bezahlbare Wohnungen mit Küchen, Bädern und Balkonen, in Häusern ohne Hinterhof und Seitenflügel, dafür mit Licht, Luft und Sonne. Hygienestandards, Baukunst, Formensprache, Wohnungsgrundrisse und die städtebaulichen Figuren der Siedlungen wurden zum Vorbild für das ganze 20. Jahrhundert – als ein Gegenmodell zur privatwirtschaftlichen Bauspekulation mit ihren Mietskasernen sollten sie eine neue Architektur für eine neue Gesellschaft verwirklichen.

Modernisierung gibt es auch im Welterbe. So wurden in diesem Frühjahr auf den Dächern der Wohnstadt Carl Legien durch das Wohnungsunternehmen Vonovia in enger Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt Photovoltaikanlagen installiert. Die sechs Welterbestätten gehören zum Standard der Stadtführungen verschiedener Anbieter, insbesondere zum alljährlichen UNESCO-Welterbetag.
www.berlin.de
www.visitberlin.de

Fünf Museen, fünf Epochen: Die Museumsinsel Berlin

Die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel. © visitberlin, Foto: Wolfgang Scholvien

Im vergangenen Jahr feierte die UNESCO-Welterbestätte Museumsinsel Berlin 200. Geburtstag. Keimzelle ist das Alte Museum, dessen Grundstein im Juli 1825 gelegt wurde. Baumeister war Karl Friedrich Schinkel. Fünf Jahre später begrüßte der erste Museumsbau Berlins seine Besucher. Zur Museumsinsel gehören das Alte Museum (1830), das Neue Museum (1859), die Alte Nationalgalerie (1871), das Bode-Museum (1904) und das Pergamonmuseum (1930). Seit 1999 ist die Berliner Museumsinsel UNESCO-Welterbe. Als Kriterium nannte die Kommission unter anderem, dass das einzigartige Ensemble die Entwicklung des modernen Museumbaus im Laufe von über einem Jahrhundert veranschaulicht. Das neueste Gebäude auf der Museumsinsel ist die 2019 eröffnete James-Simon-Galerie, entworfen vom britischen Stararchitekten David Chipperfield, in dessen Händen auch die behutsame Restaurierung der Fassade und der Innenräume des Neuen Museums (2003-2009) lag.

Die Museumsinsel zieht heute jährlich rund 2,5 bis 3 Millionen Besucher aus aller Welt an. Die Nofretete-Büste im Neuen Museum ist dabei Spitzenreiter der Besuchergunst. Das größte und schwerste Objekt auf der Museumsinsel steht im Pergamonmuseum: Das Markttor von Milet aus der römischen Kaiserzeit kommt auf ein Gesamtgewicht allein der originalen Teile von 750 Tonnen. Es ist geplant, dass der Pergamonaltar ab 2027 nach umfangreicher Sanierung wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Bis dahin können Besucher in der Ausstellung „PERGAMON. Meisterwerke der antiken Metropole und 360°-Panorama von Yadegar Asisi“ in das Jahr 129 n. Chr. reisen. Seit Juli 2021 hat die Museumsinsel ihre eigene U-Bahn-Station, deren 6.662 Lichtpunkte an der nachtblauen Decke stimmungsvoll auf den Museumsbesuch einstimmt. Übrigens, der Eintritt in die Staatlichen Museen zu Berlin ist für Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr frei.
www.smb.museum/museen-einrichtungen/museumsinsel-berlin
www.visitberlin.de

Die Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin

Wegen der reizvollen Lage und der schönen Aussicht entschied sich Friedrich der Große in Potsdam ein Lustschloss zu erbauen: „Sans, souci“ (ohne Sorge) Foto: SPSG / Leo Seidel

Im Mai feierten Techno-Fans den Musiker Paul Kalkbrenner vor den historischen Mauern des Neuen Palais in Potsdam. Dass dieses Konzert möglich wurde, ist der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg zu verdanken, die dafür extra vorher das Porzellan aus den Vitrinen geholt habe, so Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle am Konzertabend. Den UNESCO-Welterbetag am 7. Juni 2026 feierte Potsdam unter dem Motto „UNESCO³ – Film trifft Welterbe“ mit vielen Veranstaltungen, darunter einer Aufführung des digital restaurierten Stummfilmklassiker „Metropolis“, schließlich trägt die Brandenburger Landeshauptstadt den Status „UNESCO Creative City of Film“.

Die Schlösser und Parks in Potsdam und Berlin würdigt die UNESCO als „ein architektonisches wie landschaftliches Meis-
terwerk“. Seit 1990 sind sie in der Welterbeliste eingeschrieben – Stätten preußischer königlicher Macht und zugleich Sinnbild der deutschen Wiedervereinigung. Zweimal wurde die Welterbestätte erweitert:

1992 kamen Schloss und Park Sacrow mit der Heilandskirche hinzu. 1999 folgten weitere zwölf historisch bedeutende Bereiche, darunter das Belvedere auf dem Pfingstberg mit Pomonatempel und die Dorflage Bornstedt samt Kirche und Friedhof.

Die UNESCO-Welterbe-Schätze in Potsdam und Berlin zählen mit insgesamt 2.064 Hektar zu den größten UNESCO-Welterbestätten Deutschlands und für viele auch zu den schönsten. Über Jahrhunderte schufen hier Baumeister und Gartenkünstler Ensembles, die durch das gelungene Wechselspiel von Baukunst und Gartenarchitektur bestechen. Sichtachsen, Schlösser, Wasserflächen und aufwendig gestaltete Gärten fügen sich zu einer Landschaft, die nicht umsonst den poetischen Beinamen „Preußisches Arkadien“ trägt.
www.spsg.de

UNESCO Welterbe …

… wird seit 1972 ernannt. Die Kriterien sind in der Welterbekonvention definiert. Das Kultur- und Naturerbe zählt demnach nicht nur zu den unschätzbaren und unersetzlichen Gütern jedes Volkes, sondern der ganzen Menschheit. Die Liste umfasst aktuell 1.248 Stätten in 170 Ländern. In Deutschland beschließt die Kultusministerkonferenz, welche Stätten bei der UNESCO zur Aufnahme in die Welterbeliste nominiert werden.

Erstes Weltkulturerbe Deutschlands wurde 1978 der Aachener Dom. Auf der Nominierungsliste – fachdeutsch Tentativliste – stehen gegenwärtig u. a. die Waldsiedlung Zehlendorf (Erweiterung der Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“), der Jüdischer Friedhof Hamburg-Altona, das Grüne Band (Geländestreifen der ehemaligen innerdeutschen Grenze).
www.unesco.de/orte/welterbe/welterbestaetten-in-deutschland

Auf acht Routen Deutschlands UNESCO-Welterbe entdecken: www.welterbedeutschland.de