Nah und wunderbar

Im Museumsdorf Glashütte sind traditionelles Handwerk, lebendige Kultur und Spuren der Geschichte eng verflochten. Foto: TMB / Steffen Lehmann

Wo das Glück unserer Träume greifbar ist, das kann ein Platz am anderen Ende der Welt sein oder direkt um die Ecke. Jeder hat seine Sehnsuchtsziele, die er gerne einmal besuchen oder wiedersehen möchte. Jetzt in der Ferienzeit ist es für viele ein weit entfernter Urlaubsort. Manche möchten oder können aber nicht weit fahren oder sind noch unentschlossen. Wir können da vielleicht eine Entscheidungshilfe leisten: Frei nach dem Motto: „Warum in die Ferne schweifen …“ stellen wir Ihnen ein paar nahe Sehnsuchtsorte vor, die Sie begeistern werden.

Für viele ist die Siedlung aus schlichten roten Fachwerkhäusern eines der schönsten Museumsdörfer Europas. Doch das denkmalgeschützte historische Ensemble ist ein sehr lebendiger Ort voller Kreativität. Im Museumsdorf Glashütte leben und arbeiten Handwerker und Künstler und lassen sich dabei über die Schulter schauen. Handwerk, Kultur und Geschichte sind hier eng verflochten.

Zerbrechliche Schätze und hohe Dünen

Das Dorf 60 Kilometer südlich von Berlin zwischen Fläming und Spreewald ist ganzjährig ein interessantes und reizvolles Ausflugsziel. Jetzt in der kalten Jahreszeit bietet es zusätzlich den Vorteil, nach oder vor dem Spaziergang durch den Wald des Urstromtals im Warmen Neues zu erleben. Um den Ursprung der 300-jährigen Manufakturtradition des kleinen Ortes zu verstehen, sollte die erste Station das Museum der Neuen Hütte sein. Na gut, so neu auch nicht, denn ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden hier Produkte aus Glas, darunter Lampenschirme aus Milchglas, die vor allem in der nahe Hauptstand sehr gefragt waren und Gärballons. Die Neue Hütte zeigt historische Produktionsanlagen, Arbeitsgeräte und Materialien, die einst genutzt wurden, um das begehrte Glas herzustellen. Herzstück ist der alte Wannenofen, der nach wie vor voll funktionstüchtig ist. Im Jahr 2015 kam das handwerkliche Glasmachen mit der Pfeife auf die deutsche UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Museumsleiter Dr. Georg Goes hofft auf den Welterbe-Status in diesem Winter – mit ihm haben Experten aus Finnland, Spanien, Frankreich und Tschechien darum gekämpft. Goes sieht sein Haus in der Pflicht, den fundierten Erfahrungsschatz zu bewahren. Marc Chagall, Gerhard Richter oder Neo Rauch gehören zu den Künstlern, die Werke mit dieser Technik schufen. Diese alte Kunst beherrschen nur noch wenige. Zu ihnen gehört Mariko Seki, die im Glasstudio des Museums zeigt, wie aus dem Külbel (dem „Fläschchen“), durch Rotation und Lungendruck ein Produkt aus Glas entsteht. Am liebsten fertigt sie Vasen, Becher und Teller, „Dinge, die den Alltag schöner machen“, so die 39-Jährige, die in Tokio Glaskunst studierte. „Den Ausbildungsberuf Glasmacher gibt es in Japan nicht“, berichtet sie. Die Besucherinnen und Besucher können ihr bei der Arbeit zuschauen. Wer Lust auf diese besondere Handwerkskunst bekommt, kann einen Kurs buchen. Exponate von Mariko Seki, die mit ihrem Mann in der Alten Schule in Baruth lebt, finden sich in der aktuellen Ausstellung „FROST“ in der Galerie Packschuppen nur wenige Meter von der Neuen Hütte entfernt. Der alte Packwagen, auf dem einst die fertigen Produkte von der Hütte zum Versand gebracht wurden, ist heute ein Museumsstück.

Mariko Seki zeigt im Glasstudio des Museums wie ein Produkt aus Glas entsteht. Dieses alte Handwerk erlernte sie in ihrem Heimatland Japan. Foto: Brigitte Menge

Gabriele und Andreas Klose betreiben die Galerie, die vier wechselnde Verkaufsausstellungen im Jahr zeigt. Malerei, Grafik, Bildhauerei, Objekt- und Kunsthandwerk vorwiegend von Brandenburger und Berliner Künstlern. Die aktuelle widmet sich jahreszeitlich passend bis zum 10. März 2024 Exponaten aus Glas. So eine gewaltige Schneeflocke, die an ein Kirchenfenster denken lässt, von Martin Schulze (Bleiverglasung auf Stahlrahmen) oder der Ast mit Glasanhängern, in denen eingeschmolzene Pflanzen zu sehen sind, von Antje Weidhaas. Galeriechefin Gabriele Klose, die auch Repräsentantin des Kunstvereins Glashütte ist, kennt die künstlerische Meisterschaft und den fundierten Erfahrungsschatz, der nötig ist, um aus dem spröden Werkstoff Glas solche Meisterwerke zu schaffen. Alle zwei Jahre veranstalten Gabriele und Andreas Klose eine gläserne Themen-Ausstellung. Die nächste wird im Herbst 2025 stattfinden Schon jetzt stehen die Höhepunkte für das Glashütte-Veranstaltungsjahr 2024 fest, darunter Programme für die Winter- und Osterferien, Konzerte, eine Laufveranstaltung und vieles mehr. Im Sommer wird es eine Sonderausstellung „Licht und Leuchten. Kulturgeschichte der Petroleumlampe“ geben. Bis zum 24. Februar 2024 zeigt das Museum im Hüttenbahnhof Zero Carbon – Brandenburgische Industrien im Anthropozän. Die Besucher begeben sich auf eine Spurensuche zur Umwelt- und Naturgeschichte. Töpferei, Leinenkontor, Glasrestaurator, Kräutergarten, Seifenmanufaktur, Abenteurerwerkstatt … das kleine Dorf bietet viel Raum für Entdeckungen. Ganz in der Nähe hat die Eiszeit bis zu 12 Meter hohe Dünen geformt, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts den Sand für die Glasproduktion lieferten. Noch größer sind die Dünen im rund 15 Kilometer entfernten Horstwalde. Sie zählen zu den schönsten Dünenkomplexen Deutschlands (Geotope), und sie sind einmalig in Brandenburg. Es gibt also viele Gründe, die Industriekultur im Urstromtal zu besuchen.


Museumsdorf Glashütte
Hüttenweg 1–21, 15837 Baruth/Mark,
Veranstaltungen und die Öffnungszeiten (Achtung: Es gibt Winter-Öffnungszeiten) der einzelnen Einrichtungen unter:
www.museumsdorf-glashuette.de

Rad fahren: Das Museumsdorf Glashütte liegt an den Radwegen Fläming-Skate Rundkurs 8 und am Dahme-Radweg.
Wandern: Auf dem rund 3,5 km langen Naturlehrpfad „Glashütte-Mochheide“ erzählen 21 Tafeln von Baumtypen, Wasserspeichern, Pechhütten, den waldfressenden Glashütten und vielem mehr.
Einkehren: Gasthof Reuner, Küchenchef Christian Reuner arbeitete in der Spitzengastronomie in Berlin, an der Ostsee und in der Schweiz, bevor er den elterlichen Gasthof übernahm. Gekocht wird mit regionalen Zutaten. Das Haus bietet auch Übernachtungen.
www.gasthof-reuner.de