Weniger Lenin wagen!

Tortenanschnitt – Fotos: Annett Ullrich

Handwerkskammer Potsdam feiert 80. Jubiläum

Rund 450 Gäste aus Handwerk, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien folgten am 4. Juni der Einladung der Handwerkskammer Potsdam zum 32. Gartenfest nach Caputh. Die traditionsreiche Netzwerkveranstaltung stand in diesem Jahr im Zeichen des 80-jährigen Bestehens der Handwerkskammer in Potsdam.

Zugleich standen jene Herausforderungen im Gesprächsmittelpunkt, die das Handwerk seit Jahren begleiten: die angespannte wirtschaftliche Lage, fehlende Fachkräfte, zu wenige Gründer, problematische Investitionsbedingungen.

Weniger Lenin wagen

Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke bezeichnete die wirtschaftliche Lage als „überschaubar schön“, mahnte aber zugleich, nicht in Klagen zu verharren. „Wir sollten nicht so jammern, sondern anpacken“, so, wie es die Handwerkerinnen und Handwerker in Brandenburg seit jeher getan hätten.

Dabei erinnerte er an die frühen 1990er Jahre, als die wirtschaftliche Situation im Land ebenfalls schwierig und von großen Umbrüchen geprägt war. Schon damals habe sich gezeigt, dass der Mittelstand und das Handwerk das Rückgrat der Wirtschaft bilden.

Mit Blick auf die Zukunft versicherte der Ministerpräsident, dass die Landesregierung alles tun werde, um das Handwerk zu unterstützen. Dazu verwies er auf das Handwerk-Aktionsprogramm. Dieses wurde am 5. Juni von der Landesregierung Brandenburg, den brandenburgischen Handwerkskammern und dem Deutschen Gewerkschaftsbund Berlin-Brandenburg unterzeichnet. Mit dem Programm wurden zentrale Maßnahmen zur Stärkung der rund 37.500 Handwerksbetriebe im Land Brandenburg vereinbart, u. a. zu Fachkräftesicherung, Ausbildung, Energiewende, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge und Bürokratieabbau.

In Sachen Bürokratieabbau betonte Woidke, dass in Brandenburg schon einiges erreicht worden sei. Mit einem Augenzwinkern sagte er: „Wir müssen weniger Lenin wagen.“ Dem sowjetischen Revolutionär werde der Satz zugeschrieben: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Manchmal habe Woidke jedoch den Eindruck, jemand habe Lenin besonders gründlich studiert. Anders sei kaum zu erklären, dass heute mitunter drei Verwaltungsmitarbeiter einem Handwerksmeister auf die Finger schauten, weil das notwendige Vertrauen fehle. Vertrauen und Verantwortung gehörten jedoch zusammen, betonte Woidke.

Fotos: Annett Ullrich

Höchste Auszeichnung für Kammerpräsidenten Wüst

Ein besonderer Moment des Abends war die Ehrung von Kammerpräsident Robert Wüst. ZDH‑Präsident Jörg Ditt-
rich verlieh ihm das Handwerkszeichen in Gold, die höchste Auszeichnung des deutschen Handwerks für herausragende Verdienste um die wirtschaftliche Selbstverwaltung und die Belange des Handwerks.

In seiner Laudatio sagte Dittrich: „Wenn jemand dafür steht, wie man Zeitenwenden gestaltet und nicht einfach nur über sich ergehen lässt, dann ist das sicherlich Robert Wüst. Er ist eine prägende Persönlichkeit des Handwerks, die sehr früh Verantwortung übernommen und das Handwerk in Brandenburg modern, agil und sichtbar gemacht hat. Weggehen konnte nach dem Fall der Mauer jeder. Viele haben es auch getan. Aber bleiben, aufbauen, prägen und dazugehören: All das hat Robert Wüst geleistet. Er wirkt nicht nur als Unternehmer und Kammerpräsident mit Tatkraft, Bodenhaftung und ungeheurer Kommunikationsstärke, sondern begeistert besonders junge Menschen für Handwerk und Ehrenamt. Weil er ausstrahlt, wie viel Lebensfreude in diesem Beruf und dem ehrenamtlichen Engagement steckt.“

Handwerk ganz nah

Mit den vor Ort inszenierten „Erlebniswelten Handwerk“ wurde das westbrandenburgische Handwerk auch in diesem Jahr erlebbar. Innungen und Handwerksbetriebe präsentierten Kulinarisches, Innovatives und Traditionelles. Bäcker, Konditoren, Elektroniker, Fleischer, Gebäudereiniger, Tischler und Dachdecker zeigten beispielhaft, wie vielfältig, leistungsfähig und modern das Handwerk in der Region ist. Die Gäste konnten Handwerk vor Ort erleben, probieren und mit den Betrieben direkt ins Gespräch kommen.

Zur Geschichte

1946 wurde die Handwerkskammer Potsdam gegründet. Damit gehört sie zu den jüngeren Kammern in Deutschland, da das brandenburgische Handwerk bis 1945 durch die Berliner Handwerkskammer verwaltet wurde.

Grundlage für die Neugründung war der Befehl Nr. 161 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland vom 27. Mai 1946. Zu DDR-Zeiten dienten die Handwerkskammern der Steuerung, Planung und Kontrolle der handwerklichen Produktionsgenossenschaften (PGH) und der wenigen privaten Handwerksbetriebe. Einen wesentlichen Schwerpunkt bildete die Umsetzung und Sicherstellung der ideologischen Ausrichtung des Handwerkssektors.

80 Jahre später steht die Handwerkskammer für Selbstverwaltung, Interessenvertretung, berufliche Bildung, Meisterqualifikation und konkrete Unterstützung der Handwerksbetriebe in Westbrandenburg. Anfang der 1990er Jahre waren es rund 10.000 Betriebe, heute sind es über 17.500.

www.hwk-potsdam.de